Junges Forum

Junges Forum

"Deutschland - deine Zukunft" am 4. März 2009 im 40seconds, Berlin


Bild: Junges Forum am 4. März 2009 in Berlin
v.l.n.r.: Timo Boll, Johannes Pöttering, Dr. Hajo Schumacher, Therese Larsson,
Professor Carsten Reinemann, Sven Giegold und Emanuel Heisenberg (Foto: Eberhard J. Schorr)

Wie sieht die ideale Stromversorgung im Jahr 2020 aus? Die Ansprüche sind hoch: Energie soll bezahlbar, sicher und umweltfreundlich sein, damit wir modernste Technik nutzen können. Jedoch wollen wir keine Großkraftwerke, Übertragungsnetze oder Endlager in unserer Nähe haben, keine fossilen Rohstoffe verbrennen und uns nicht einseitig abhängig machen von Energieimporten.

In einem völlig neuen Veranstaltungsformat des Deutschen Atomforums diskutierten junge Vertreter von Politik, Wirtschaft, Journalismus und Gesellschaft am 4. März 2009 über diese Fragen. Im "40seconds" - einem Szeneclub hoch über den Dächern von Berlin - sprach Moderator und Publizist Dr. Hajo Schumacher vor mehr als 100 Gästen mit

 

Therese Larsson, schwedische Journalistin und ModeratorinProf. Dr. Carsten Reinemann, Kommunikationswissenschaftler aus MünchenEmanuel Heisenberg, Geschäftsführer der Greenvironment Energy Solutions GmbH Johannes Pöttering, stellvertretender Bundesvorsitzender der Jungen Union DeutschlandsTimo Boll, Tischtennis-Europameister und Sven Giegold, Kandidat von Bündnis 90/Die Grünen zur Europawahl.

Obwohl die Meinungen zur weiteren Nutzung der Kernenergie und Kohlekraftwerken unter den Teilnehmern stark auseinander gingen, war man sich in punkto Erneuerbaren einig: Die verstärkte Nutzung der regenerativen Energien sollte ein möglichst großer Baustein für die zukünftige Stromversorgung sein. Ob und wie schnell jedoch der Anteil jetziger Grundlastkraftwerke durch Erneuerbare Energien ersetzt werden kann, blieb offen. Wichtig sei es, verstärkt nach intelligenten Technologien zu forschen, um Deutschland energiepolitisch unabhängig zu machen. Deutschlands Energiepolitik wird im Ausland letztlich als widersprüchlich angesehen - einerseits wollen wir Vorreiter im Umweltschutz sein, sagen andererseits aber nein zur Kernenergie und ja zu Kohlekraftwerken?

Hier die Argumente der einzelnen Teilnehmer:

Schwedens Bevölkerung pflegt, so Therese Larsson, einen sehr pragmatischen Umgang mit der Kernenergie. Nachdem 1980 noch mit einem "jein" zur Kernkraft gestimmt und 1997 über Laufzeitverlängerung gesprochen wurde, habe sich die schwedische Regierung Anfang Februar dieses Jahres dazu entschlossen, die bestehenden Reaktoren durch neue zu ersetzen. Grund dafür sei, dass sowohl Bürger als auch Regierung in Schweden den Klimaschutzbeitrag dieser Energieform anerkenne und Kernkraftwerke so z.B. Kohlekraftwerken vorziehe. Die Gemeinde Forsmark habe sich sogar als Standort für das schwedische Endlager beworben. Selbstredend müsse die Umwelt auch durch Stromeinsparung und effizienter genutzte Energie geschützt werden - in Schweden gelte das in besonderem Maße: hier werde dreimal so viel Strom wie in Deutschland verbraucht. Dennoch müsse man zur Deckung der Stromnachfrage weiter auf Kernenergie setzen. Kernkraftwerke lieferten, so Larsson, am ehesten umweltfreundlichen und gleichzeitig bezahlbaren Strom. Schweden sieht sich in Bezug auf den Klimaschutz in internationaler Energieverantwortung und auf einem pragmatischen Weg; das Verständnis für die rein nationale Energiediskussion um die Kernenergie in Deutschland sei in Schweden sehr gering.

Deutschland erlebt in diesen Tagen einen Meinungsschwenk hin zur weiteren Nutzung der Kernenergie. Professor Dr. Carsten Reinemann hält den alarmierenden IPCC-Bericht zum Klimawandel für ursächlich dafür. Gleichzeitig herrsche jedoch leider ein frappierender Interessenmangel der unter 30-jährigen in Bezug auf Energie- und Umweltthemen. Die Kernenergie werde deshalb ambivalent betrachtet, weil es trotz der hohen Unwahrscheinlichkeit eines Ereignisses wie bspw. einem Unfall im Kernkraftwerk eben doch menschlich sei, den Eintritt für möglich zu halten. Sonst gäbe es auch keine Lottospieler.

Emanuel Heisenberg, Enkel des Physik-Nobelpreisträgers Werner Heisenberg, setzt mit seinem Unternehmen auf die Entwicklung modernster Kleinturbinen für dezentrale Biogas- und Erdgaskraftwerke. Eine Turbine, so Heisenberg, vermeide soviel Kohlendioxid, wie durch 50 Pkw im Straßenverkehr ausgestoßen werde. Strom und Wärme aus den dezentralen Kraftwerken könne darüber hinaus 10% bis 30% günstiger als Energie herkömmlicher Anbieter erzeugt werden. Wünschenswert sei ein Stromanteil von 10-15% aus Biomasse am Energiemix. In dezentralen regelbaren Kleinkraftwerken liege die Zukunft. Letztlich sollte man die Erneuerbaren aber auch nicht überfordern: Zum einen benötige die Verbreitung dieser Technologie lange Projektabwicklungszeiten. Momentan liefere eine Biogasanlage Strom im Kilowatt- nicht aber im benötigten Gigawattbereich. Zum anderen müssten bis die dezentralen Anlagen zur Mitte des Jahrhunderts über 50% der Energieversorgung übernehmen Großkraftwerke als "Übergangstechnologie" dienen. Kohlekraftwerke tragen stark zum dramatischen anthropogenen Klimawandel bei, der nur abgemildert werden kann, wenn jetzt ein kohlenstofffreier Energiemix gefunden wird. Hierbei sind Kernkraftwerke "das kleinere Übel". Die Laufzeit von Kernkraftwerken sollte in Deutschland verlängert werden und Kernkraftstrom intelligent besteuert werden, um damit Basistechnologien aus den Erneuerbaren Technologien zu finanzieren.

Nach Ansicht von Johannes Pöttering sollten alle Energieformen einen Platz im Energiemix des Jahres 2020 erhalten. Sowohl die Erneuerbaren Energien als auch Kernkraftwerke tragen zur umweltschonenden Stromversorgung bei, so der stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Union.  Problematisch sei, dass in Deutschland mittlerweile jegliche Großprojekte abgelehnt würden. Im Gegensatz dazu sei die Akzeptanz für Kernenergie in den betroffenen Standortgemeinden besonders hoch. Schließlich sorge sie für garantierte Arbeitsplätze und hohe Gewerbesteuereinnahmen. Sollte Deutschland bis 2020 aus der Nutzung der Kernenergie aussteigen, würde das Stromverknappung bei gleichzeitigem Anstieg der Energiepreise bedeuten. Folge wäre ein Import von Kernenergiestrom aus Frankreich und Kohlestrom aus Polen. Außerdem sei mit der Abwanderung von Arbeitsplätzen ins Ausland zu rechnen.

Strom müsse heutzutage selbstverständlich und konstant bereit stehen. In Zeiten der Finanzkrise sollte dies auch zu bezahlbaren Preisen geschehen, so Tischtennis-Europameister Timo Boll. Er selbst mache sich wie viele Bürger Gedanken um Umweltschutz und Stromverbrauch. Wenn heute nichts gegen die Klimaerwärmung getan werde, hätten nachfolgende Generationen mit den Folgen zu kämpfen. Dass die Erneuerbaren Energien es schaffen, 70 bis 80% unseres steigenden Strombedarfs zu decken, sei unwahrscheinlich. Daher müsse man die deutschen Kernkraftwerke weiter betreiben. Die Energiepolitik in Schweden sei hier viel pragmatischer. Die Angst der deutschen Bürger vor der Kernenergie sei verständlich, er persönlich glaube jedoch an die Anstrengungen von Politik und Kraftwerksbetreibern, alles für die erforderliche Sicherheit zu tun. Daher würde er sogar eine Kernenergiewerbung auf seinem Sporttrikot nicht ablehnen.

Für Sven Giegold, attac-Mitbegründer in Deutschland, stellt sich nicht die Frage "Klimaschutz oder Kernenergieausstieg". Sowohl der Ausstieg aus der Kernenergie als auch die Abkehr von der Kohlekraft seien seiner Meinung nach der einzig vernünftige Weg, um die deutsche Energiepolitik umweltfreundlich zu gestalten. Durch die Umstellung auf dezentrale Kleinkraftwerke und - in letzter Konsequenz die Verstaatlichung der Stromnetze - würde der Strombinnenmarkt weiter liberalisiert werden. So bräuchte man keine schwer regelbaren Großkraftwerke mehr, die den Energie-Oligopolen ohnehin nur übermäßige Gewinne bescherten. Erhöhter Strombedarf könne durch zusätzliche Effizienzsteigerungen ausgeglichen werden. Weil ein vollständiger Umstieg auf Erneuerbare Energien nur schrittweise möglich sei, habe man den Ausstiegsbeschluss. Es bleibt zu wünschen, dass deutsche Ingenieure bis 2020 weitere Erfolge auf dem Weg zu neuen Speichertechnologien und CO2-freien Stromerzeugungstechnologien erzielen. So könne man hoffentlich einen Energiemix aus Erneuerbaren Energien in einem dezentralen Kraftwerkspark erreichen.